Wahrsagen - Das Orakel von Delphi und I Ging

Wahrsagen - Das Orakel von Delphi und I GingDas Orakel von Delphi galt in der Welt des antiken Griechenlands als die Quelle aller Wahrsagungen. Noch heute umweht ein Hauch der Mystik den magischen Ort am Hang des Parnass-Gebirgszuges in Zentralgriechenland. I Ging ist das chinesische Pendant zum Orakel von Delphi. Die Sammlung von Strichzeichen wurde bereits im zweiten Jahrtausend v. Chr. von Wahrsagern verwendet.

Delphi – Mittelpunkt der antiken Welt

Im antiken Griechenland wurde Delphi als Mittelpunkt der Welt verehrt. Nach alten Überlieferungen ließ Göttervater Zeus einen Adler von jedem Ende der Welt aufsteigen. In Delphi trafen sich die Greifvögel und begründeten den Mythos des einst bedeutendsten Ortes der Erde. Die Weissagungen gehen auf die geflügelte Schlange Python zurück, die an diesem Ort lebte und durch ihre hellseherischen Fähigkeiten berühmt wurde. Von ihr stammt der Name Pythia ab, den später die Orakelpriesterin von Delphi trug. Die Schlange Python wurde laut griechischer Mythologie von Apollon getötet, wodurch sich die hellseherischen Fähigkeiten auf den Ort übertrugen.

Rituale vor der Befragung des Orakels

Die Befragung des Orakels von Delphi konnte nur erfolgen, wenn im Vorfeld bestimmte Rituale eingehalten wurden. Grundvoraussetzung für die Befragung war ein Omen. Zu diesem Zweck wurde eine Ziege mit eiskaltem Wasser besprengt. Zeigte das Tier keine Reaktion, konnte das Orakel nicht befragt werden. Zuckte die Ziege jedoch zusammen, unterschrieb sie damit ihr eigenes Todesurteil. Sie wurde als Opfergabe geschlachtet und anschließend auf dem Altar verbrannt. Danach konnte die Befragung des Orakels von Delphi beginnen. Im Lauf der Zeit änderten sich die Zeiträume der Befragung. Am Anfang gab das Orakel nur einmal im Jahr, am Geburtstag des Apollon, Auskunft. Später konnte die Befragung am siebten Tag jedes Monats stattfinden. Das galt allerdings nur für die Sommermonate. Im Winter ruhte das Orakel für den Zeitraum von drei Monaten.

Pythia im Rausch der Dämpfe

Der Oberpriesterin Pythia blieb es vorbehalten, die Weissagungen im Apollontempel zu verkünden. Bevor es dazu kam, nahm sie nackt ein Bad in der heiligen Quelle Kastalia und trank anschließend aus der Quelle Kassiotis. Im Apollontempel nahm Pythia vor dem Altar der Hestia auf einem Dreifuß Platz und gab sich dem Rausch der göttlichen Dämpfe hin. Diese strömten alten Überlieferungen zufolge aus einer Erdspalte in den Altarraum und sollen eine berauschende Wirkung gehabt haben. Derart entrückt verkündete die Oberpriesterin die Weissagungen des Orakels. So zumindest beschreibt es Plutarch, der selbst 20 Jahre lang als Oberpriester in Delphi wirkte.

Unklar blieb bis heute, ob in Delphi tatsächlich bewusstseinserweiternde Gase aus der Erde ausgetreten sind. Als die antike Kultstätte im 19. Jahrhundert von Archäologen ausgegraben wurde, entdeckten die Forscher weder einen Riss im Gestein noch fanden sich Hinweise auf berauschende Dämpfe. Dessen ungeachtet beantwortete Pythia die ihr gestellten Fragen. Armen Pilgern war es nur gestattet, geschlossene Fragen zu stellen, die mit einem eindeutigen „Ja´“ oder „Nein“ beantwortet werden konnten. Angehörige der Oberschicht erhielten umfassendere Antworten. Allerdings antwortete die Oberpriesterin mehrheitlich in kryptischen Versen, deren Bedeutung sich den Fragestellern nicht immer auf Anhieb erschloss.

I Ging – das chinesische Orakel

I Ging, was so viel bedeutet wie „Das Buch der Wandlungen“, ist der älteste chinesische Text. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Zeichen in Strichform und um die dazugehörigen Sprüche. Entstanden sind die Zeichen und Sprüche im dritten Jahrtausend v. Chr. Damals wurden zur Weissagung noch Orakelknochen verwendet. Sie wurden auf den Boden geworfen und Wahrsager leiteten aus dem zufällig entstandenen Muster ihre Prophezeiungen ab. Anfänglich wurde die Bedeutung der Zeichen mündlich überliefert. Die heute bekannten schriftlichen Aufzeichnungen entstanden im 7. Jahrhundert n. Chr. Die Knochen wurden später durch Münzen und Pflanzenstängel ersetzt.

Aufbau des I Ging

Das I Ging setzt sich aus 64 Grundzeichen zusammen, die als Hexagramme bezeichnet werden. Diese Zeichen bestehen aus sechs horizontalen Linien, die als weich gelten, wenn sie unterbrochen sind und als hart gelten, wenn sie ohne Unterbrechung dargestellt werden. In Abhängigkeit von der Form und Art der Hexagramme stehen sie für Kräfte, Aufgaben, Situationen, persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten. Grundsätzlich bilden die 64 Zeichen sämtliche Zustände auf der Erde ab. Die Deutung erfolgt nach dem Prinzip der Wandlung, wobei die Urkräfte Yin und Yang eine Rolle spielen. Yin steht für die Erde und das Bodenständige, während Yang den Himmel und das schöpferische Element verkörpert. Wahrsager, die das I Ging interpretieren können, kennen die Gesetzmäßigkeiten des Wandels und können diesen beeinflussen.

Befragung des I Ging

Im Gegensatz zum Orakel von Delphi beantwortet das „Buch der Wandlungen“ I Ging keine geschlossenen Fragen, die nur mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können. Vielmehr dient die Befragung dazu, Einsicht in anstehende Veränderungen zu gewinnen. Die Aufgabe für den Fragesteller besteht darin, die Veränderungen bewusst wahrzunehmen und durchzuführen, ohne das übergeordnete Ziel aus den Augen zu verlieren. In diesem Zusammenhang spielt die Fähigkeit zur Selbstkritik eine Rolle. Nach der chinesischen Lehre gelingt nur Personen der angestrebte Wandel, die in der Lage sind, das eigene Handeln selbstkritisch zu hinterfragen.


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